Biohacking: Garagengenetik für Alle

Wenn sich Gentechnik am Küchentisch statt im Hightechlabor abspielt, nennt sich das Biohacking. Kurz mal mit dem Erbgut spielen? Ganz so einfach ist das nicht.

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Mit der Gentechnik ist es ähnlich wie mit moderner Kunst: Wenige Menschen haben eine Ahnung davon, aber die meisten verspüren leichtes Unbehagen oder Aversion dagegen. Immerhin geht es bei der Gentechnik um Eingriffe ins Erbgut, mitten hinein ins (künstliche) Leben, das lässt keinen kalt. Zudem lassen sich weder die Kunst noch der menschliche Forscherdrang einzäunen. Daher hat die Gentechnik, die bisher nur in anerkannten Forschungseinrichtungen betrieben wurde, vor einigen Jahren ein neugieriges, aufmüpfiges Geschwister bekommen, genannt Biohacking, auch Biotinkering, Biofrickeln oder DIY-Biologie, Do-it-yourself. Die Biohacker forschen und experimentieren unabhängig und selbstbestimmt ausserhalb von Universitäten und Hierarchien, im selbstgebauten Heimlabor, und was IT-Hackern der Programmiercode, ist ihnen der genetische Code.

Ab 1200 Euro ist man dabei

Laut golem.de bedeutet Biohacking den Eingriff in biologische Prozesse durch Hobbybiologen, die mit lebenden Organismen und Erbinformationen experimentieren. Bisher konnten sich nur Universitäten oder Unternehmen professionell ausgestattete Labore leisten, doch inzwischen kaufen ambitionierte Biolaien Mikroskope, Zentrifugen, Thermocycler und andere Laborgeräte gebraucht im Internet oder bauen sie selbst, und wem Platz oder Geld fürs eigene Heimlabor fehlt, mietet sich in einem Gemeinschaftslabor ein, auch Hackerspace genannt. Im Internet werden Baukästen für Biohacker beworben: „Wie jeder von uns mit CRISPR zu Hause die DNA lebender Organismen umschreiben kann“ (www.motherboard.vice.com). CRISPR, die Kurzform von CRISPR/Cas9, ist ein seit 2012 bekanntes molekularbiologisches Verfahren („Genschere“), um DNA-Bausteine im Erbgut aller Lebewesen zu verändern, einfach und präzise. Das einschneidend neue Genome-Editing-Verfahren hat es sogar in einige Publikumsmedien geschafft, wahlweise als Heilsversprechen (das Ende der Erbkrankheiten) oder als Gottseibeiuns des Schöpfungsmythos („Retortenbabies“). Von Revolution und Tabubruch ist die Rede.

 

Die Tabubrüche mögen in Laboren chinesischer Top-Universitäten stattfinden, aber bestimmt nicht in den Garagenlaboren der DNA-Frickler. Tabubruch Duftkissen? „Es gibt ein Projekt, bei dem ein Moos so genmanipuliert wurde, damit es nach Patchouli riecht und als Duftkissen in eine Zimmerpflanze eingesetzt werden kann. Ausserdem gibt es kleinere Bastelkits, mit denen man zum Beispiel Hefe zum Leuchten bringen oder Bakterien bunt einfärben kann“, erklärt der Diplom-Biologe und Biohacker Rüdiger Trojok in einem Interview mit dem Radiosender SWR2. Wenn einige Medien bereits mit Schlagzeilen wie „Biohacker sprengen Körpergrenzen“ (Wired, Dez. 2016) Gruseln oder Begeisterung verbreiten, geht es meist um Körperimplantate, zum Beispiel Chips, um (besser) sehen und hören zu können oder um die eigene Wohnungstür zu öffnen. Mit Eingriffen ins Erbgut hat das nichts zu tun.

„If I were a teenager today, I’d be hacking biology, creating artificial life with DNA synthesis.” (Bill Gates)

In Anbetracht des grossen Medieninteresses und des Ritterschlages durch den berühmtesten aller Garagentüftler erscheint die Zahl der Biohacker überschaubar. Etwa 10.000 Menschen sollen laut Rüdiger Trojok 2017 zu der weltweiten, dezentralen Citizen-Science-Gemeinschaft gehören. Das entspricht der Einwohnerzahl des Berliner Ortsteils Wannsee und der Zahl der Teilnehmer am grössten Triathlon der Welt in Hamburg. Wie die Triathleten brauchen auch Biohacker vor allem eins: einen langen Atem. Zwar suggerieren Buchtitel wie „Biohacking: Gentechnologie für alle“ oder „Biopunk: Solving Biotech’s Biggest Problems in Kitchens and Garages“ den schnellen Hack am Küchentisch, doch schon nach den ersten Seiten dürften viele ad-hoc Genetiker die Pipette wieder aus der Hand legen. Ohne solide Kenntnisse und Erfahrungen im Bereich Genetik geht es eben doch nicht, Pflanzen mit Hilfe von Glühwürmchen-DNA zum Leuchten zu bringen.

Keine Anhaltspunkte für Sicherheitsmängel

Abgesehen davon ist das in Deutschland und anderen Ländern Europas verboten, jedenfalls in zusammengefrickelten Hobby-Laboren. Denn nicht nur Glühwürmchen-DNA leuchtet in den Hackerspaces, auch die Warnlampen der Vertreter europäischer Gentechnikgesetze. In Deutschland dürfen Biohacker lediglich Bakterien vermehren, DNA extrahieren, DNA duplizieren und Gene isolieren. Sie dürfen Gene des biolumineszenten Bakteriums Aliivibrio fischeri entnehmen, aber der Versuch, andere Organismen damit zum Leuchten zu bringen, muss in einem zugelassenen Labor stattfinden, das bestimmte Sicherheitsanforderungen erfüllt. Das dient dem Schutz vor unerwünschten ökologischen Folgen und vor illegalem, irrtümlichem oder auch böswilligem Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen. Konkrete Anhaltspunkte für gravierende Sicherheitsmängel aus der DIY-Biologie gibt es bisher jedoch nicht, urteilen die Experten eines öffentlichen Fachgespräches des Bundestages über Biohacking.

Ob das die Bedenken einer wenig gentechnikaffinen Öffentlichkeit beseitigt, sei dahingestellt, ebenso die Frage, ob wirklich alle DIY-Biologen das Gentechnikgesetz verinnerlicht haben. Dagegen dürften zumindest deutsche Biohacker das Grundgesetz ganz gut kennen, denn Artikel 5 garantiert die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre. Er garantiert auch die Freiheit der Kunst – eine weitere Gemeinsamkeit von Genetik und moderner Kunst.

Start-ups

SwissDeCode

Stammt der Emmentaler AOP wirklich aus dem Emmental? Wurde der als „Aceto Balsamico Tradizionale di Modena“ gekaufte Aceto womöglich mit Weinessig gepanscht? Der DNA-Schnelltest der Schweizer Firma SwissDeCode, ein Spin-off der Universität Genf, liefert innerhalb von 30 Minuten an Ort und Stelle die Antworten. Mit dem Test können Rohstoffe und Fertigprodukte auf nicht deklarierte Inhaltsstoffe und Verunreinigungen untersucht werden, ganz ohne Laborausrüstung.

Bento Bioworks, London

Das Londoner Start-up Bento Bioworks hat ein tragbares DNA-Analyselabor im Laptopformat entwickelt, das Bento Lab. Anwender können damit biologische Proben entnehmen, DNA extrahieren und einfache genetische Analysen durchführen.

Hyasynth Bio, Montreal

Das 2014 gegründete Biotechnologieunternehmen entwickelt gentechnisch hergestellte Cannabinoide für den pharmazeutischen Markt, indem es Gene aus Hanfpflanzen in ein genetisch verändertes Hefegenom einfügt. Auf diese Weise können die pharmazeutisch relevanten Wirkstoffe von Hanf schneller und preisgünstiger erzeugt werden als auf natürlichem Wege durch den Anbau und die Weiterverarbeitung der Pflanzen und zudem in gleichbleibend hoher Konzentration.

Taxa, San Francisco

Taxa hat sich die „Demokratisierung der Biotechnologie“ auf die Fahnen bzw. seine Homepage geschrieben. Gegründet wurde es 2013 nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne, und in die Schlagzeilen geriet das Unternehmen durch das so genannte Glowing-Plant-Projekt. Unter dem Namen Orbella Fragrant Moss produziert Taxa Raumdüfte in Form von Duftmoosen, die in einem kugelförmigen Glasterrarium kultiviert werden. Die Duftnoten Patchouli, Linalool, Geranium sind zum Preis von umgerechnet 67 Euro bereits erhältlich, „Pine“ und „Citrus“ sind derzeit in Entwicklung.

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